After Babel

Perspectives on Language [Vera-Kögelmaier]

Was die Zukunft bringt..?

In den letzten sechs Blogeinträgen haben wir uns verschiedensten Themen gewidmet. Generell ging es meist um die reziprozitäts Frage von Sprache und Gesellschaft – also wie beeinflusst die Gesellschaft den Sprachgebrauch und andersherum. Dieser Post allerdings, verlangt etwas mehr als die bloße Analyse von  Gegebenheiten und sozialen Tatbeständen. Die Frage die sich in meinem letzten Blogeintrag stellt ist, was die Zukunft  für uns bereit hält. Wie sieht die ‘Linguistic Landscape’, also die Sprachlandschaft in Europa in 30 Jahren aus? Welche Sprachen werden meine Kinder und die Kinder meiner Kinder sprechen können und welche werden sie sprechen müssen? Alles was nun folgt ist natürlich reine spekulation und ich kann mit Sicherheit keinen Wahrheitsanspruch für meine Vorhersagen erheben. Dennoch lassen sich vielleicht auch jetzt schon einige Hinweise darauf finden, wie die Sprachgegbenheiten im Europa der Zukunft aussehen werden. Eine der Voraussagen im Hinblick auf Sprache, die in der Kursliteratur zu finden war hat sich mitunter am stärksten in mein Gehirn gebrand: “(…) by the year 2100, 90% of the world’s languages would have ceased to exist.” (Colls: l. 4)
In ca. 80 jahren, so ein renommierter US linguist, werden 90% von ungefähr 7000 im Moment existierenden Sprachen verschwinden. 700 Sprachen werden dieser Vorhersage zufolge also das nächste Jahrhundert erleben – Nur ein zehntel. Ob dem so sein mag oder nicht, kann ich hier nicht beantworten und trotzdem ist eine Sache schon jetzt absehbar: Die Sprachen die es treffen wird, sind nicht die sogenannten Mehrheitssprachen. Es werden die Sprachen der Minderheiten sein, auch in Europa, die den folgen der Globalisierung zum Opfer fallen werden und den ‘großen Sprachen’, oder besser gesagt den Sprachen der wirtschaftsstarken Länder weichen werden müssen. Am ehesten betroffen werden hierbei meiner Meinung nach ‘Regional Minority Languages’ (RML) sein. Einerseits genießen Sprachen die unter diese Kategorisierung fallen mehr Schutz durch die Europäische Charter für Regional- und Minderheitssprachen, als es beispielsweise die von Immigrierten Minderheiten (IML)  gesprochenen Sprachen tun. Andererseits haben diese (RML) meist den Nachteil, dass sie wirklich nur in einer bestimmten region in Europa und der Welt zu finden sind, während die allermeisten IML die Landessprache aus der geflüchteten/ausgewanderten Nation darstellen und somit eine weitaus höhere Anzahl an aktiven Sprechern vorweisen können. Man sieht es bereits am Rückgang verschiedener dialekte und Sprachvariationen, dass sich in den Grenzen der Europäischen Union ein trend zum Sprachzentralismus fortsezt. In Italien sind es sinkende zahlen der Sprecher von Occitan oder Arbresh, in Deutschland und den Niederlanden ist es das Plattdeutsch und in Frankreich stehen die Chancen für RML wegend des ausstrahlenden Zentralismus Pariser Eliten, von Grund auf schlecht. Eigentlich sehe Ich Zukunftsvorhersagen immer kritisch entgegen, da die reine weiterführung von statistisch erhobenen Trends nur selten die künftige realität widerspiegelt  und dennoch :
Eigentlich bin ich kein Freund von Zukunftsvorhersagen durch bloße Trendweiterführung, allerdings denke auch Ich, dass es einige RML wohl in näherer Zukunft am ehesten treffen wird. 

Wie bereits angedeutet is einer der Gründe für diese Entwicklung die voranschreitende Bereitschaft der Menschen, ihre dialekte/Sprachen aufzugeben und sich der standardisierten Form einer Sprache zuzuwenden. Dieses Phänomen ist meist eng verknüpft mit dem Prestigeunterschied zwischen der standardiesierten und der vom standard abweichenden Form einer Sprache. Einer gewissen Form des Sprechens wird oftmals zeitgleich ein sozioökonomischer Status zugeordnet, was natürlich auch Einfluss auf die Sprachwahl eines Individuums hat. Besonders große Wirkung zeigt die Statusassoziierung mit Sprache, wenn eine Sprachvariation gar nicht als ‘richtige’ Sprache von dem Rest der Bevölkerung gesehen wird und die Sprecher ebd. somit als unterlegen, dumm oder unterentwickelt gelten. Sprecher des Neapolitanischen ‘dialects’ in Italien oder auch des Jamaican English/Creole sehen sich solchen Problemen Konfrontiert wie  Trudgill zeigt: “In Jamaica, standard English is the official language and is spoken there, at the top of the social scale, by educated Jamaicans and people of British origin. At the other end of the social scale, pariculary in the case of peasants in isolated rural areas, the language used is and English based creole which is not in it self mutually intelligeble with Standard English.” (Trudgill: 173-174)
Das oftmals resultierende Problem aus solchen variationen ist, wie bereits gesagt, die aus dem glauben, es seien minderwertige Sprachen, enstehende soziale diskreditierung, obwohl linguisten sich einig sind, dass es sich in fast allen Fällen um in sich stichhaltige komplette Sprachsysteme handelt. Das Ergebnis ist jedoch, dass die Sprecher sich für ihre Sprache schämen und ihre Sprache aufgeben (language shift).
Der Rückgang von RML wird vermutlich nicht aufzuhalten sein. Jedoch denke ich nicht, dass der Rückgang von Sprachen auf Lange sicht die Herauskristalisierung einer Weltsprache bedeutet. Beste Chancen auf diesen unwahrscheinlichen Titel hätte im Moment jedoch mit Sicherheit die Engliche Sprache. Gemessen an der Anzahl der Mutterprachler liegt das Englische zwar hinter chinesisch und indisch, wirft man aber einen Blick auf die weiltweiten Sprecher, also auch diejenigen die Englisch als Fremdsprache gelernt haben, so ist es mit circa 1.5 Milliarden Sprechern weltweit die unangefochtene Nummer eins.¹ Englisch genießt bereits jetzt in weiten teilen der Welt den Status der Lingua Franca, sobald Transnationale Kommunikation gefragt ist. Ich denke, dass es in den nächsten Jahrzehnten auf eine Zuspitzung dieser Situation hinaus laufen wird, wie es bereits in der jüngeren Generation Skandinaviens und den Niederlanden der Fall ist.
Die Implementierung des Englischen in nicht-englischsprachige Nationen als Fremdsprache Nummer eins wird weitergehen und vermutlich in einem großteil Europas ähnliche Züge annehmen wie in den genannten Staaten des europäischen Nordens.
Die Frage die sich bei dieser Debatte an einem gewissen Punkt stellt ist, ob das englische bald auch sprachen wie deutsch, französisch oder spanisch verdrängen wird. Werden meine Kinder oder Enkelkinder nur noch Englisch sprechen können? Ich denke nicht.Wovon ich aber überzeugt bin ist, dass die kommenden Generationen mehrerer europäischer Staaten, englisch nahezu perfekt beherrschen werden.
Die Einführung einer stabilen Diglossia, also Bilungualität auf Gesellschaftlicher ebene, ist innerhalb der EU nicht abwegig. Wenn man sich vor Augen führt, wie weit die englische Sprache es in den Alltag anderssprachiger Nationen bereits geschafft hat, erhält man den Eindruck, dass es nur noch eine frage dr Zeit ist:
“Of all high school students in the EU25, about 25% learn German or French, some 10% spanish and less than 5% Russian. But almost 90% of all pupils in secondary education learn English. Even if the English skills of these young Europeans are often mediocre, they still feel more competent in a conversation than students who have studied  other languages. They profit from increasing opportunities to use their skills, since most imported entertainment is in English and because the foreigners they meet will most likely speak English with them, whether in person or on the internet.” (De Swaan: 12)
Das Bildungsniveau steigt, immer mehr Universitäten werden auf den EMI Zug springen und lehre in Englisch betreiben. Wie De Swaan, denke auch ich, dass die Rolle der Medien eine wichtige sein wird. Seien es Memes in Facebook, die neue Staffel House of Cards auf Netflix oder Streams von Sportereignissen der NBA und NFL: True Entertainment is in English.
Zusammenfassend kann ich also sagen, dass ich der Meinung bin, dass die Sprachlandschaft der Zukunft in Europa nicht so divers und plural sein wird, wie sie es im Moment noch ist. Ich denke, dass vor allem RML bzw. ihre Sprecher eine schwierige Aufgabe vor sich haben, wenn es um den erhalt ihrer Sprach-/ Kultur geht. Weiterhin kann ich mir durchaus vorstellen, dass balancierter Bilingualismus in Muttersprache und Englisch ein europäisches konzept der Zukunft sein kann/wird, ohne das heimische Mehrheitssprachen dadurch verdrängt werden. Ob Trump’scher protektionismus oder Brexit: Auch durch erweiterte politische Distanz  zu den ursprünglichen ‘Sprachimperialisten’ (wie Phillipson sagen würde), ist englisch die Lingua Franca unserer Zeit und wahrscheinlich auch die unserer Kinder und Enkel.

References:
  • Colls, T (2009): The death of Language? : http://news.bbc.co.uk/today/hi/today/newsid_8311000/8311069.stm?bo=1
  • ¹http://www.weltsprachen.net/
  • Trudgill, P. (2000). Sociolinguistics: An Introduction to Language and Society, 4th Ed., London: Penguin Books.
  • De Swaan, A. (2007). The Language Predicament of the EU
    since the Enlargements. Sociolinguistica 2007.

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