After Babel

Perspectives on Language [Vera-Kögelmaier]

Die Realität eines Konjunktivs

„But you don’t look German at all!”. Dies ist wohl einer der Sätze, den ich zu Beginn meines Aufenthalts hier in Maastricht am häufigsten zu hören bekommen habe, nachdem ich auf die Frage nach meiner Herkunft mit „Munich, Germany“ antwortete. „Well“, sage ich dann meistens „that’s probably, because my father is from Mexico.“ Nachdem der Grund für meinen, zunächst als unpassend klassifizierten Phänotypen geklärt ist, folgt dann meist die rhetorisch formulierte Frage, ob ich denn dann auch der spanischen Sprache mächtig wäre.
Mein Name ist Christian, ich bin 22 Jahre alt und nein, ich spreche kein Spanisch. Leider. Trotz der einen Hälfte mexikanischen Bluts, dass durch meine Adern fließt, habe ich es bis jetzt noch nicht hinbekommen, ordentlich Spanisch zu lernen. Eine Schande, ich weiß. Tatsächlich ist es womöglich die Sache in meinem Leben für die ich mich am meisten schäme, weswegen Ich meist im gleichen Atemzug die Schuld meinen Eltern zuschiebe, da der Versuch der Bilingualen Erziehung nicht konsequent durchgezogen wurde. Dafür, und für die Tatsache, dass ich in meiner Kindheit nie in einem Fußballverein gespielt habe. Die Begründung für dieser fatalen Entscheidung war, dass ich dort nur das “Saufen lernen” würde. Wenigstens das, habe ich im Laufe der Zeit auch so gelernt.

Bierzelt auf dem Oktoberfest.

Eine halber Mexikaner der kein spanisch spricht und ein halber deutscher, der kein Fußball spielen kann: Klingt nach dem Anfangssatz eines ziemlich schlechten Witzes, ist in Wahrheit aber meine Realität. Wenigsten das mit der Sprache, werde ich in Zukunft zu ändern versuchen. Immerhin sind grundlegende Spanischkenntnisse irgendwo in meinem Gehirn verankert, da ich es durchaus wagen würde zu behaupten, dass ich die Fähigkeit besitze Teile spanischer Konversationen zu verstehen. Besser als nichts! Außerdem spreche ich Englisch und meines Lebenslaufs zufolge auch Französisch (B1 Niveau). Das mit dem Französisch ist allerdings auch so eine Sache. In der Schule habe ich das Fach nach der zehnten Klasse aus meinem Stundenplan gestrichen und stattdessen mein Glück mit Chemie versucht (was ganz nebenbei, vielleicht als dritter Großer Fehler meines Lebens bezeichnet werden könnte). Grund für diese Entscheidung war nicht nur der neuentfachte Optimismus in meinem 16 jährigen Ich, nachdem ich zum ersten Mal in meiner Schullaufbahn eine bessere Note als „Ausreichend“ in diesem Fach erzielt hatte. Der eigentliche Grund war aber eher, die dem Optimismus gegenüberstehende Resignation bezüglich der Sprache. Ich habe Französisch immer, vor allem im Vergleich zum Englischen, als recht kompliziert empfunden. Dies ist zunächst natürlich kein Ausschlusskriterium. Allerdings schien sich die Mühe schlicht und ergreifend nicht zu lohnen. Bis dato hatte Ich noch keinen Fuß in die „Grande Nation“ gesetzt und die sich auf mich ausübende Anziehungskraft Frankreichs, hielt sich bis dahin  auch in Grenzen. In den vergangenen letzten 6 Monaten war ich nun aber doch dreimal in dem Land. Zweimal in Paris und einmal an der Küste in einem kleinen Städtchen namens La Rochelle. Ich denke, dass meine rudimentären Fähigkeiten im französischen genau dieser Tatsache geschuldet sind, dass ich nicht früh genug eine Beziehung zum Land und somit auch zur Sprache an sich aufbauen konnte. Es ist eine alte, abgedroschene, aber nicht zuletzt sehr wahre Floskel, wenn man sagt, dass eine Sprache gelebt und erlebt werden muss um sie angemessen erlernen zu können. Sprache erleben ist nur möglich, wenn man sich in einen Kulturkreis begibt, indem diese auch gesprochen wird. Eine Sprache nur aus dem Schulbuch zu lernen ist, meiner Erfahrung nach, eher ein Ding der Unmöglichkeit. Hierfür mache ich mir aber insgeheim, wirklich keine Vorwürfe, da ich es wirklich versucht habe eine Euphorie fürs französische in mir zu entfachen. Für einen, von der Schule organisierten Frankreichaustausch in der siebten Klasse aufgrund von zu schlechten französisch Noten abgelehnt zu werden, führte dann aber wohl eher zu belustigtem Gleichmut als den erhofften Enthusiasmus.
Nochmal zusammengefasst kann ich also leider nur behaupten zwei Sprachen wirklich zu sprechen: Deutsch und Englisch. Im Spanischen, wie im französischen muss ich mich leider bisher mit Basiswissen zufrieden geben, wobei insbesondere ersteres  von  einem großen “das sollte aber anders sein” begleitet wird.

München

Generell bin Ich der Meinung, dass es gut ist, mehrere Sprachen sprechen zu können. Multilingualismus ist durchaus hilfreich auf dem Gebiet des Arbeitsmarktes, bei dem  das verlangte Durchsetzungsvermögen auch mithilfe von Sprachen erlangt werden kann. Aber nicht nur zur Vergrößerung der Chancen höheres ökonomischen Kapital generieren zu können, ist das Sprechen mehrerer Sprachen nützlich. Sprache ermöglicht Kommunikation, also den Austausch verschiedenster Informationen. Das Erlangen von Wissen, das Hören von Geschichten, der Ausdruck von Zuneigung zweier Menschen zueinander; all das findet zu einem großen Teil mithilfe von Sprache statt.
Insofern ist Sprache auch eine Möglichkeit der Identitätsentwicklung. Natürlich determiniert das Sprechen verschiedener Sprachen in gewisser Weise bereits Identität insofern, als dass man eben als der Inhaber einer solchen Fähigkeit agiert und wahrgenommen wird. Was aber das Entscheidende in der Beziehung von Identität und Sprache ist, ist das was Sprache mit dem Inneren eines Individuums macht. Ein Buch, eine Geschichte, manchmal auch nur ein Satz, können die Art und Weise, wie wir unsere Umwelt wahrnehmen nachhaltig verändern.  Sprache die nicht nur wahrgenommen, sondern verstanden und in den Raum der Identität gestellt wird, hat die Mögichkeit uns zu verändern.
Insofern ist Sprache eine wichtiger Faktor im Hinblick auf das Gründen und Entwickeln von Identitäten.
Darauf bezieht sich im Grunde auch meine Erwartungshaltung gegenüber des Seminars After Babel. Ich erhoffe mir, dass die intensive Auseinandersetzung mit Sprache meine Begeisterung für eben diese wieder erweckt, sodass Versäumnisse nachgeholt werden und der Konjunktiv aus der Beschreibung meiner sprachlichen Identität gestrichen werden kann.

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1 Comment

  1. marie May 22, 2017

    Hi Chris,

    nun ja, auf mexikanisch hätte ich jetzt nicht getippt, meine erste Vermutung als ich dich sah war, dass du eventuell ein halber Italiener bist. 😀
    Aber Spaß beiseite, dass du nicht Spanisch sprichst ist doch nicht schlimm. Mit Deutsch, Englisch und Französisch kommt man ja auch schon weit. Und wie meinte ein Freund von mir letztens noch? “Life’s too short to learn Spanish!” (Okay, eigentlich sagte er German, aber ich finde Spanisch passt da auch!) Vielleicht hast/hattest du in Maastricht ja auch die Gelegenheit die Weltsprache Niederländisch zu lernen.
    Ich drücke dir jedenfalls für Spanisch die Daumen!

    Marie

    PS: Ich finde du hast einen sehr angenehmen, witzigen und persönlichen Sprachstil. Das Lesen hat echt Spaß gemacht!

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